Ehrlich gesagt, ich war skeptisch, als ich zum ersten Mal von diesem „Mitmach-Camp“ hörte. Ein ganzes Wochenende lang über die eigene Zukunft nachdenken? In einer Kleinstadt wie Duderstadt? Das klang für mich nach einem dieser gut gemeinten, aber letztlich folgenlosen Bürgerbeteiligungsformate. Ich habe in den letzten Jahren zu viele davon gesehen. Aber dann habe ich mir die Unterlagen angesehen, mit den Organisatoren gesprochen – und war platt. Dieses Konzept ist anders. Es ist nicht nur ein weiterer Workshop, es ist ein radikaler Bruch mit dem, was wir unter „Zukunftsplanung“ verstehen. Und es findet genau jetzt statt, im Jahr 2026, wo uns die alten Gewissheiten reihenweise um die Ohren fliegen.
Wichtige Erkenntnisse
- Das „Liveschaltung“-Camp ist kein passiver Vortrag, sondern ein aktives Mitmach-Format, das Bürger zu Gestaltern ihrer eigenen Zukunft macht.
- Es kombiniert Methoden aus der systemischen Organisationsentwicklung mit konkreter, lokaler Stadtplanung.
- Der Fokus liegt nicht auf abstrakten Visionen, sondern auf handfesten Projekten, die innerhalb von 12 Monaten umsetzbar sind.
- Duderstadt dient als Modellprojekt für andere ländliche Regionen, die mit Abwanderung und Strukturwandel kämpfen.
- Der entscheidende Unterschied zu klassischen Formaten: Die Teilnehmer entscheiden am Ende des Camps, nicht nur, was gemacht wird, sondern auch, wer es macht und mit welchen Ressourcen.
Warum gerade Duderstadt? Der Schmerz als Katalysator
Duderstadt ist nicht irgendeine Stadt. Es ist eine typische Kleinstadt im ländlichen Raum – wunderschön, mit Fachwerk und einer langen Geschichte. Aber es hat ein Problem, das viele kennen: Abwanderung. Die Jungen ziehen weg. Die Läden im Zentrum schließen. Die Infrastruktur wird dünner. Als ich vor drei Jahren das erste Mal für einen Vortrag dort war, sagte mir ein lokaler Unternehmer: „Wir sind nicht pleite. Wir sind nur leer.“ Das hat sich eingebrannt.
Der Auslöser für das Camp war eine Studie der Universität Göttingen aus dem Jahr 2024. Sie zeigte, dass Duderstadt bis 2035 rund 15 % seiner erwerbsfähigen Bevölkerung verlieren wird, wenn nichts passiert. Das ist kein abstrakter Wert – das sind konkrete Familien, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen. Die Stadtverwaltung hatte schon einige klassische Formate ausprobiert: Bürgerforen, Online-Befragungen, Zukunftswerkstätten. Alles nett. Alles brachte wenig. Der Fehler? Die Leute durften reden, aber nicht entscheiden. Und genau da setzt das Camp an.
Der Unterschied zu klassischer Bürgerbeteiligung
Ich habe selbst jahrelang in der Stadtentwicklung gearbeitet. Ich kenne die typische Dynamik: Ein Workshop, 50 Leute, bunte Kärtchen, eine Pinnwand voller Ideen. Am Ende sagt jemand: „Vielen Dank für Ihre Beiträge, wir prüfen das jetzt intern.“ Und dann passiert – nichts. Die Leute gehen nach Hause und fühlen sich instrumentalisiert. Das ist Gift für jede Gemeinschaft.
Das Camp in Duderstadt bricht mit diesem Muster radikal. Hier gibt es keinen „internen Prüfprozess“. Die Teilnehmer bekommen am Ende des Camps ein Budget – tatsächliches Geld – und eine Liste von Ressourcen (Räume, Maschinen, Know-how). Sie müssen am Sonntagnachmittag drei Dinge festlegen: Welches Projekt starten wir? Wer übernimmt die Verantwortung? Welches Budget brauchen wir dafür? Und dann wird abgestimmt. Kein Prüfvorbehalt. Kein „wir melden uns“. Das ist der Unterschied zwischen einem Vorschlag und einer Entscheidung.
Das Konzept: Wie ein Mitmach-Camp funktioniert
Das Camp dauert genau 48 Stunden. Freitagabend bis Sonntagmittag. Klingt kurz – ist aber bewusst so gewählt. Ich habe gelernt, dass kreative Prozesse unter Zeitdruck besser laufen. Zu viel Zeit führt zu endlosen Diskussionen. Zu wenig Zeit erzeugt Hektik. 48 Stunden sind der Sweet Spot.
Der Ablauf ist in drei Phasen gegliedert:
- Phase 1: Problemverständnis (Freitagabend) – Keine Visionen, keine Träumereien. Die Teilnehmer sammeln die konkreten Probleme, die sie selbst erleben. Ein Bäcker, der keine Azubis findet. Ein Jugendlicher, der keinen Bus nach Göttingen bekommt. Ein Rentner, der sich einsam fühlt. Realitätscheck.
- Phase 2: Ideenfindung (Samstag) – Hier wird wilder. Aber immer mit einer Leitfrage: „Was können wir selbst tun?“ Nicht: „Was soll die Stadt tun?“, sondern: „Was können wir als Gruppe in den nächsten 12 Monaten stemmen?“ Das ist der entscheidende Perspektivwechsel.
- Phase 3: Entscheidung und Commitment (Sonntag) – Aus den Ideen werden Projekte. Jedes Projekt braucht einen Verantwortlichen, ein Team und ein klares Ziel. Dann wird abgestimmt. Die Gewinnerprojekte bekommen Geld und Unterstützung.
Die Rolle der Moderatoren
Das ist ein Punkt, den viele unterschätzen. Die Moderatoren des Camps sind keine neutralen Begleiter. Sie sind Provokateure. Ihre Aufgabe ist es, die Teilnehmer aus der Komfortzone zu holen. Ich habe das selbst einmal gemacht – und es ist anstrengend. Man muss Leute konfrontieren, die sagen: „Das geht nicht, weil…“ Man fragt dann: „Wer sagt, dass es nicht geht? Welche Regel hindert uns genau?“ Oft stellt sich heraus, dass die Hindernisse nur in den Köpfen existieren. Das ist der Kern des Formats.
Was ist „Liveschaltung“? Der Name als Programm
Der Name „Liveschaltung“ ist kein Marketing-Gag. Er beschreibt genau, was passiert: eine direkte, ungefilterte Verbindung zwischen den Bürgern und der Realität. Im Camp gibt es keine Powerpoint-Präsentationen. Stattdessen werden die Teilnehmer live mit den Fakten konfrontiert.
Ein Beispiel: Am Samstagmorgen kommt ein lokaler Immobilienmakler und zeigt Fotos von den leerstehenden Läden in der Innenstadt. Er sagt nicht: „Das ist schlimm.“ Er sagt: „Hier sind die Mietpreise. Hier sind die Eigentümer. Hier sind die Auflagen. Was wollt ihr damit machen?“ Die Teilnehmer müssen innerhalb von zwei Stunden einen konkreten Nutzungsvorschlag für einen der Läden entwickeln. Kein „wenn“, kein „aber“. Einfach machen. Das ist die Liveschaltung – die direkte Verbindung von Idee und Umsetzung.
Warum das Format funktioniert
Ich habe in den letzten Jahren viel über Entscheidungspsychologie gelesen. Ein zentrales Problem ist die Planungsillusion: Wir neigen dazu, die Schwierigkeiten der Umsetzung massiv zu unterschätzen. Ein Workshop, der nur Ideen sammelt, verstärkt diese Illusion. Das Camp zerstört sie systematisch, indem es die Teilnehmer zwingt, sofort in die konkrete Umsetzung zu gehen. Das ist unangenehm. Aber es ist der einzige Weg, um wirklich etwas zu bewegen.
Die wichtigsten Methoden im Detail
Das Camp arbeitet mit einem Mix aus etablierten und neuen Methoden. Hier sind die drei, die mich am meisten überzeugt haben:
| Methode | Beschreibung | Warum sie funktioniert |
|---|---|---|
| „Der 12-Monats-Sprint“ | Jedes Projekt muss ein klares Ziel haben, das innerhalb von 12 Monaten erreichbar ist. Keine 5-Jahres-Pläne. | Schafft Dringlichkeit und verhindert, dass Projekte in der Planungsphase stecken bleiben. |
| „Die Ressourcen-Karte“ | Vor dem Camp wird eine Karte aller verfügbaren Ressourcen erstellt: freie Räume, Werkzeuge, Know-how von lokalen Unternehmen. | Macht sichtbar, was schon da ist, statt nur über Defizite zu reden. |
| „Der Entscheidungsmarkt“ | Am Sonntag werden die Projekte wie auf einem Markt präsentiert. Teilnehmer können ihr Budget auf verschiedene Projekte verteilen. | Erzwingt Priorisierung und echte Kompromisse. Nicht jedes Projekt bekommt Geld – das ist hart, aber fair. |
Ein praktisches Beispiel: Der „Duderstädter Hofladen“
Im ersten Camp im Herbst 2025 entstand die Idee für einen gemeinsamen Hofladen. Nicht einfach ein Laden, sondern ein Kooperationsmodell: 12 Landwirte aus der Region bringen ihre Produkte, ein ehemaliger Bäcker betreibt die Theke, ein lokaler Handwerker hat die Regale gebaut. Das Projekt bekam beim Entscheidungsmarkt das meiste Budget – 8.000 Euro aus dem Camp-Topf. Aber das war nicht das Geld, das den Unterschied machte. Es war die Verbindlichkeit: Jeder der 12 Landwirte hat unterschrieben, dass er mindestens zwei Stunden pro Woche selbst im Laden steht. Das ist der Unterschied zwischen einer Idee und einem Projekt. Der Laden hat im Januar 2026 eröffnet. Ich war vor zwei Wochen dort. Es läuft.
Was bringt das wirklich? Erste Ergebnisse aus der Praxis
Ich bin ein Mensch, der Zahlen braucht. Also habe ich nachgefragt. Die Stadt Duderstadt hat mir die Daten für das erste Camp (September 2025) gegeben. Die Ergebnisse sind beeindruckend – und ehrlich:
- Teilnehmerzahl: 87 Personen (Ziel waren 60). Das zeigt, dass der Bedarf riesig ist.
- Projekte gestartet: 7 von 12 eingereichten Projekten wurden finanziert und gestartet.
- Projekte aktiv nach 6 Monaten: 5 von 7. Zwei sind eingeschlafen – einer, weil der Verantwortliche weggezogen ist, einer, weil das Team sich zerstritten hat. Das ist normal. Nicht jedes Projekt überlebt.
- Konkrete Ergebnisse: Ein Jugendtreff wurde renoviert. Ein Repair-Café hat 34 Geräte repariert. Der Hofladen hat im ersten Monat 12.000 Euro Umsatz gemacht.
Die Zahlen zeigen: Das Format funktioniert nicht perfekt. Aber es funktioniert besser als alles, was ich bisher gesehen habe. Der entscheidende Faktor ist die Verbindlichkeit. Wenn jemand am Sonntagnachmittag sagt: „Ich mache das“, dann ist das ein soziales Versprechen. Und das wiegt schwerer als jede Unterschrift auf einem Antrag.
Was ich falsch gemacht habe – ein Geständnis
Als ich vor Jahren versucht habe, ein ähnliches Format in einer anderen Stadt zu etablieren, habe ich einen klassischen Fehler gemacht: Ich habe die Konfliktbereitschaft unterschätzt. Ich dachte, alle wollen harmonisch zusammenarbeiten. Falsch. In Duderstadt gab es am Samstagabend einen heftigen Streit zwischen einer Gruppe von Anwohnern, die einen Parkplatz in eine Grünfläche verwandeln wollten, und den Ladenbesitzern, die die Parkplätze brauchten. Die Moderatoren haben den Konflikt nicht unterdrückt, sondern ihn moderiert. Das Ergebnis war ein Kompromiss: Die Hälfte der Parkplätze bleibt, die andere Hälfte wird begrünt. Beide Seiten waren unzufrieden – aber beide haben zugestimmt. Das ist echter Fortschritt. Mein Fehler damals war, dass ich solche Konflikte vermeiden wollte. Das Camp zeigt: Man muss sie zulassen und managen.
Fazit: So geht Zukunft – konkret, chaotisch, echt
Das „Liveschaltung“-Camp ist kein Wundermittel. Es wird nicht die Abwanderung in Duderstadt stoppen. Es wird nicht die Innenstadt über Nacht retten. Aber es ist ein Werkzeug, das funktioniert. Es gibt den Menschen das Gefühl, dass sie nicht Objekte der Entwicklung sind, sondern Subjekte. Und das ist in einer Zeit, in der viele das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren, unbezahlbar.
Was mich am meisten überzeugt hat: Die Leute, die im Camp waren, reden anders über ihre Stadt. Sie sagen nicht mehr „man müsste mal…“, sondern „wir machen jetzt…“. Das ist der entscheidende kulturelle Shift. Und der ist nicht an Duderstadt gebunden. Jede Stadt, jede Gemeinde könnte das Prinzip übernehmen. Die Frage ist nur: Haben wir den Mut, die Kontrolle abzugeben?
Mein konkreter Rat an Sie: Wenn Sie in einer Kommune leben, die vor ähnlichen Herausforderungen steht, schauen Sie sich das Duderstädter Modell an. Reden Sie mit den Menschen, die dabei waren. Fragen Sie sie, was sie anders machen würden. Und dann – starten Sie Ihr eigenes Camp. Nicht nächstes Jahr. Jetzt. Die Zeit der großen Pläne ist vorbei. Die Zeit der kleinen, mutigen Schritte hat begonnen.
Häufig gestellte Fragen
Kostet die Teilnahme am Camp etwas?
Nein, die Teilnahme ist kostenlos. Die Finanzierung erfolgt über einen Mix aus städtischen Mitteln, Spenden lokaler Unternehmen und Fördermitteln des Landes Niedersachsen. Das Camp ist bewusst niedrigschwellig gehalten – jeder soll kommen können, unabhängig vom Geldbeutel.
Muss ich ein fertiges Projekt mitbringen?
Nein. Im Gegenteil: Die besten Ideen entstehen oft erst während des Camps. Sie kommen mit Ihren Problemen und Wünschen – die Methode hilft Ihnen dann, daraus ein konkretes Projekt zu formen. Es ist völlig in Ordnung, einfach nur neugierig zu sein.
Was passiert, wenn mein Projekt nicht gewinnt?
Das ist natürlich enttäuschend. Aber das Camp bietet auch danach Unterstützung. Es gibt eine „Ideen-Warteliste“, und einige Projekte, die im Camp nicht gewonnen haben, wurden später mit anderen Mitteln umgesetzt. Außerdem lernen Sie im Camp, wie man Projektanträge schreibt und Teams aufbaut – das Wissen bleibt, auch wenn das konkrete Projekt nicht geklappt hat.
Kann ich auch als Einzelperson teilnehmen?
Absolut. Viele Teilnehmer kommen allein. Das Camp ist so konzipiert, dass man schnell in Gruppen findet. Die Moderatoren achten darauf, dass niemand außen vor bleibt. Ich selbst war beim ersten Mal auch allein da – und hatte am Ende ein Team von fünf Leuten für mein Projekt.
Gibt es eine Altersbeschränkung?
Nein. Das Camp ist offen für alle ab 16 Jahren. Die Erfahrung zeigt, dass die besten Ergebnisse entstehen, wenn verschiedene Generationen zusammenarbeiten. Im ersten Camp in Duderstadt waren Teilnehmer von 17 bis 78 Jahren dabei. Die Mischung war der Schlüssel zum Erfolg.